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Telenotarzt: Mit einem Pilotprojekt das Rettungswesen entlasten

Zusätzlich zum Rettungsdienstpersonal vor Ort kann sich ein Telenotarzt dazuschalten (c) P3 telehealthcare GmbH[Main-Kinzig-Kreis] Ist ein Patient am Einsatzort ein Fall für die Notfallambulanz? Wird noch der Rat eines Notarztes benötigt? Im Zweifel ja, so lautet die Devise für das Rettungsdienstpersonal vor Ort. Seit Jahren steigen die Einsatzzahlen insgesamt; damit einher geht auch ein Anstieg der Fallzahlen in den Notfallambulanzen und der Einsätze von Notärzten.
„Wir können auf diese Entwicklung nicht alleine durch Einstellungsoffensiven reagieren. Denn mit der immer höheren Nachfrage steigt ja nicht gleichzeitig die Zahl der verfügbaren Notärzte“, merkt Landrat Erich Pipa an. Der Main-Kinzig-Kreis beschreitet daher auf Pipas Initiative hin mit dem Pilotprojekt „Telenotarzt“ einen neuen Weg.

Konkret bedeutet dies, dass ab Juli 2017 in einem Teil des Kreises Einsatzfahrzeuge mit notwendiger Kamera- und Kommunikationstechnik aufgerüstet werden. In diesen Fahrzeugen lässt sich so je nach Fall ein Notarzt zuschalten, der unter anderem den angeschlossenen EKG-Monitor in Echtzeit einsehen kann. Von der Ferne aus – etwa von der Leitstelle oder einem Krankenhaus aus – kann dieser eine Empfehlung aussprechen, nachdem er mit dem Patienten oder dem Einsatzpersonal die Sachlage erörtert hat.

Seit 2014 befindet sich ein solcher Telenotarztdienst in Aachen im Betrieb. Die ersten Ergebnisse stimmen Landrat Erich Pipa zuversichtlich, dass das Projekt auch im Main-Kinzig-Kreis Entlastung bringen kann. „Die Erfahrungen in Aachen sind sehr positiv und zeigen, dass ein Telenotarzt mehr Einsätze als ein hinzugerufener Notarzt bewältigen kann, er gibt dem Rettungsdienstpersonal Rechts- und Handlungssicherheit und ist natürlich unmittelbar am Einsatzort, wenn er benötigt wird“, so Pipa.

In den letzten 10 Jahren sind die Rettungsdiensteinsätze im Main-Kinzig-Kreis um 40 Prozent gestiegen. Im gleichen Zeitraum sind auch die Notarzteinsätze um 33 Prozent auf 10.336 Fälle in 2016 gestiegen. Diesen Entwicklungen begegnet der Kreis als Rettungsdienstträger mit umfangreichen Investitionen.

So wuchs der Rettungsbereich zum einen personell, 2016 waren beispielsweise 439 Frauen und Männer im Rettungsdienst aktiv (2015: 402), davon 114 Notärztinnen und Notärzte (2015: 83). Zudem wurden Rettungswachen und Stellplätze von Einsatzwagen in den vergangenen Jahren gezielt so verlegt und ausgebaut, dass die Rettungsdienste in ländlichen wie auch in städtischer geprägten Teilen des Kreises schnell genug am Einsatzort sein konnten. Die Jahresvorhaltestunden wurden alleine in den vergangenen drei Jahren um 13 Prozent auf nun 285.900 Stunden erhöht.

„Der wachsende Personalbedarf im Rettungswesen und die Entwicklung der Einsatzzahlen sind ja nun keine Phänomene, die auf unseren Kreis beschränkt wären. Wir stellen fest, dass es immer schwieriger wird, ausreichend Bewerber für neue Stellen im medizinischen Bereich zu finden. Es ist also nur gerechtfertigt, alternative Lösungen auszuprobieren, um diese Trends abzufedern“, so Pipa.

Keine Änderung bei Personal und Vorhaltestunden

An der Versorgungssicherheit wird sich für die Patientinnen und Patienten durch das Projekt nichts ändern. Die Personalstärke auf den Wachen bleibt gleich, die Vorhaltestunden werden ebenfalls nicht verändert. Das fahrende Notarztsystem wird seitens der Zentralen Leitstelle auch nicht zurückgehalten, wenn er alarmiert worden ist. Der Telenotarzt kann und soll den „echten“ Notarzt bei erforderlicher Erstalarmierung nicht ersetzen. Für die Arbeit der Rettungsdienste würde sich eine kreisweite Einführung des Telenotarztes dennoch entlastend auswirken, wie das Gefahrenabwehrzentrum in einer Projektbeschreibung skizziert:

  • Die Anzahl der Notarzt-Nachforderungen, insgesamt 2.641 im vergangenen Jahr, von bereits am Patienten tätigen Notfallsanitätern beziehungsweise Rettungsassistenten werde sich um etwa 20 bis 30 Prozent reduzieren lassen, weil die telenotärztliche Entscheidung, Beratung oder Begleitung als völlig ausreichend wahrgenommen werde.
  • Bei den Notarztsekundäreinsätzen, also notwendigen Verlegungen von einer Klinik in eine andere (2016: 1.894 Intensiv-Verlegungen), könnten sich 30 bis 40 Prozent über den Telenotarzt steuern lassen.
  • Von den vielen Patienten, die nach erfolgter Erstversorgung vom Rettungsdienstpersonal mit komplett unauffälligen Vitalfunktionen eingestuft werden, dürfte eine nicht unerhebliche Zahl nach telenotärztlicher Entscheidung gar nicht zur Weiterbehandlung in eine Klinik transportiert werden müssen, was unter anderem auch zu einer Entlastung der Notaufnahmen führen wird. Im vergangenen Jahr waren dies immerhin rund 17 Prozent aller knapp 47.000 Notfallpatienten.

In der Pilotphase des Projekts wird der Main-Kinzig-Kreis zunächst die Erfahrungen aus Aachen nutzen und sich dem dortigen Telenotarztdienst der Firma P3 telehealthcare GmbH anschließen, der in die Leitstelle der Berufsfeuerwehr Aachen integriert ist. Für die auf ein Jahr angelegte Testzeit beschränkt sich auch die technische Nachrüstung auf erst einmal sieben Rettungswagen des Deutschen Roten Kreuzes im Kreisverband Gelnhausen/Schlüchtern in den Versorgungsbereichen der Rettungswachen Gelnhausen, Somborn, Bieber, Bad Orb und Burgjoß. Mittelfristig wäre es denkbar, die Zahl der technisch aufgerüsteten Einsatzfahrzeuge zu erhöhen und auch einen Telenotarzt in der Zentralen Leitstelle in Gelnhausen arbeiten zu lassen.

Dazu sollen aber zunächst die Erfahrungen im Kreisgebiet abgewartet werden, wie Pipa mitteilt. Der Pilotbereich ist repräsentativ gewählt, weil er einen telenotärztlichen Versorgungsbereich umfasst, der sowohl die Besonderheiten eines Klinikstandortes – in dem Fall Gelnhausen – als auch die Probleme einer dünn besiedelten Region mit langen Fahrzeiten beinhaltet.

Das Hessische Sozialministerium hat das Pilotprojekt zugelassen und eine Förderung entsprechend der „Strategie Digitales Hessen“ als Innovationsprojekt in Telemedizin und E-Health in Aussicht gestellt. Die bei dieser Größenordnung des Projekts erwarteten Gesamtkosten von 1,1 Millionen Euro würden dann je zur Hälfte aus Mitteln des Sozialministeriums und der Krankenkassen als Kostenträger des Rettungsdienstes in Hessen finanziert werden.

Quelle Text: MKK

 

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