[Onlinewelt] Wir sind es schon recht lange gewöhnt, zugetextet zu werden und fühlen uns vernachlässigt, wenn wir nicht informiert werden. Wir haben eine emotionale Abhängigkeit von Mitteilungen entwickelt. Nicht, weil die Informationen wichtig wären, sondern weil die ständige Präsenz von Nachrichten, Alerts, Push‑Hinweisen und Statusmeldungen ein Grundgefühl erzeugt: „Ich werde wahrgenommen.“
Das Gehirn gewöhnt sich daran wie an Hintergrundlärm. Wenn das Rauschen plötzlich fehlt, entsteht ein Gefühl von Leere oder Unterbrechung. Und unsere digitalen Helfer sind darauf programmiert, Nutzer regelmäßig zurückzuholen. Das führt zu einer konditionierten, systemisch erzeugten Erwartungshaltung.
So wirkt Informationsmangel wie ein Fehlerzustand. Nicht die Informationsflut ist ungewöhnlich – sondern ihre Abwesenheit. Wir haben eigentlich kein Bedürfnis nach so vielen Benachrichtigungen. Doch wir fühlen uns übergangen, wenn wir nicht stimuliert werden.
Das ist inzwischen ein gesellschaftliches Symptom.
Die Kommunikationskultur hat sich in den letzten 20 Jahren stärker verändert als in den 200 Jahren davor. Früher kommunizierte man per Brief, in Gesprächen und Telefonaten. Heute gibt es stattdessen kurze Signalen in einem Präsenzsystem, in dem Kommunikation nicht mehr Ereignis, sondern Zustand ist: Emojis, Ein‑Wort‑Antworten, Systemmeldungen und automatisierte Hinweise.
Gleichzeitig steigt die Frequenz: Mehr Nachrichten, weniger Inhalt. Das führt zu einer Kommunikation, die nicht mehr informiert, sondern signalisiert und zwar: Teilhabe - unabhängig vom Informationswert.
Letztendlich wird Daueraufmerksamkeit erzeugt. So macht es uns inzwischen auch nichts mehr aus, mit digitalen Systemen zu kommunizieren. Apps, Geräte, Programme - also Algorithmen schicken Nachrichten, erzeugen Erwartungen und formen unsere Kommunikationsgewohnheiten - weg von menschlichlicher Struktur.
Die Folge ist der Verlust von Kommunikationskompetenz und die Fähigkeit zu klaren Aussagen sowie gut strukturierten, logischen Texten und ergebnisbringenden Gesprächen, weil präzise Sprache nicht mehr trainiert wird.
Letztendlich kommunizieren wir nicht mehr, um Informationen auszutauschen, sondern um Präsenz zu erzeugen. Das verändert Wahrnehmung, Erwartung und soziale Dynamik... inklusive vorprogrammierter Mißverständnisse sowie der Gefahr von Konflikten durch unklare Kommunikation.
Wo die Betonung im Gespäch fehlt, könnte ein größerer Wortschatz greifen, um Inhalte klar zu vermitteln.
Wenn wir sprechen, helfen uns die Melodie der Stimme, Lautstärke und das Tempo dabei, zu zeigen, wie etwas gemeint ist (z. B. ob ein Satz ernst, witzig oder ironisch ist). Fehlt diese Betonung – zum Beispiel beim Schreiben in Chats oder E-Mails –, müssen wir das anders ausgleichen mit treffenden, alltäglichen Wörtern, wenn die Betonung wegfällt.
Zum Schluss ein Beispiel: Lecker
... ist alles von Kuchen, über Soße bis zum Kaffee.
Das Denk-Faulpelz-Wort ersetzt: knusprig, erfrischend, würzig, cremig, süß, zart oder schmackhaft sowie saftig, fluffig, aromatisch, kräftig im Geschmack oder das zergeht auf der Zunge, schmilzt im Mund...
Schlichtes Denken bedeutet aber: Details werden nicht offenbart. Wenn man nur wenige Wörter nutzt – und dann auch noch zu Alleskönnern wie „lecker“ greift –, macht man es sich bequem. Man muss nicht mehr genau hinschauen, nicht mehr differenzieren und keine feinen Unterschiede mehr machen.
Wenig Wortschatz bedeutet also irgendwie: Die Welt wird flach und grob unterteilt in gut/schlecht, lecker/bäh, schön/grässlich. Ohne passende Wörter und Bezeichnungen fallen uns Unterschiede ja gar nicht auf.
FAZIT: Wer seine Sprache auf ein Minimum reduziert, stumpft im Denken ab, weil Sprache das Werkzeug ist, mit dem wir die Welt überhaupt erst sortieren und begreifen.

Quelle: Brigitta Möllermann, HESSENMAGAZIN.de