Digitalcourage fordert 'Leben ohne Digitalzwang'

Freitag, den 24. Mai 2024 um 06:19 Uhr Thema - B R I S A N T
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Digitalzwang - Symbolbild (c) Digitalcourage CC-BY 4.0 - KLICKmal[Deutschland] Der Trend zum allseitigen Digitalisieren nimmt gerade Tempo auf: Ohne Smartphone bekommt man online oft keine Speisekarte, ohne E-Mail eventuell keine Fahrkarte, ohne App sein Paket nicht und ohne Account keinen Arzttermin.
"An immer mehr Stellen werden wir genötigt, uns einzuloggen, online zu registrieren oder eine App herunterzuladen – und dabei immer mehr persönliche Daten preiszugeben”, sagt Rena Tangens, Gründerin und Vorstand von Digitalcourage.

Seit 2021 verfolgt der Verein Digitalcourage e.V. das Thema

Täglich erreichen diese "Grundrechtsorganisation" Beschwerden von Menschen über Benachteiligungen und de facto Ausschluss. Der Deutschen Post DHL hat Digitalcourage im Jahr 2023 einen viel beachteten BigBrotherAward für den Digitalzwang bei ihren neuen Packstationen verliehen

Auch der zunehmende Druck, die Terminplattform des Unternehmens Doctolib zu nutzen, um einen Arzttermin zu bekommen, war mehrfach Thema. Zudem hat sich Digitalcourage öfter gegen die Versuche der Deutschen Bahn ausgesprochen, Menschen zur Benutzung der App „DB Navigator” zu nötigen und klagt sogar gegen das übergriffige Tracking dieser App.

Nun will Digitalcourage das Problem grundlegend angehen, erklärt Julia Witte, Redakteurin und Campaignerin bei Digitalcourage: „Wir wollen das Übel jetzt bei der Wurzel packen: Wir fordern den Bundestag auf, das Recht auf ein Leben ohne Digitalzwang ins Grundgesetz aufzunehmen!”

Am 23. Mai 2024 startet eine entsprechende Petition

Zum 75. Jubiläum des Grundgesetzes beginnt Digitalcourage deshalb mit einer Unterschriftensammlung, die an den Bundestag gerichtet ist. Die Online-Petition ist über die Website https://digitalcourage.de zu finden. Es gibt aber auch die Möglichkeit, offline auf Papier zu unterzeichnen.

https://digitalcourage.de/blog/2024/petition-fuer-recht-auf-ein-leben-ohne-digitalzwang-gestartet <-KLICK

Mit dieser Petition fordert Digitalcourage die Bundesregierung auf, das Recht auf ein Leben ohne Digitalzwang ins Grundgesetz aufzunehmen und damit gesetzlich zu verankern. Denn die Wahrnehmung der Grundrechte und der Daseinsvorsorge, die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben und die Nutzung der öffentlichen Infrastruktur (z.B. Post, Bahn, medizinische Versorgung) darf nicht davon abhängig gemacht werden, dass Menschen das Internet, ein Smartphone oder bestimmte Software benutzen.

Der Digitalzwang schließt viele Menschen aus

Betroffen sind oft alte oder kranke Menschen, Menschen mit Behinderung und Menschen mit geringem Einkommen, die sich ein (aktuelles) Smartphone und die Kosten für mobile Daten nicht leisten können.

Digitalzwang betrifft aber auch oft Menschen, die sehr technik-affin sind, erklärt Rena Tangens: "Digitalzwang betrifft nicht nur Seniorinnen, sondern auch Menschen, die ihr Recht auf informationelle Selbstbestimmung ernst nehmen, die nicht wahllos Apps auf ihrem Gerät installieren möchten und nicht bei jeder alltäglichen Handlung eine Datenspur hinterlassen wollen.”

Auch die Nutzung von alternativen Betriebssystemen oder die bewusste Ablehnung der App-Stores großer Anbieter führt oft zu einem Ausschluss von digitalen Angeboten.

Für Julia Witte von Digitalcourage ist die Wahlfreiheit wichtig: „Ich möchte auch mal ohne Smartphone das Haus verlassen können! Es gibt viele Gründe, aus denen sich Menschen entscheiden, dauerhaft oder zeitweise kein Smartphone zu haben: Weil sie digitale Gewalt erlebt haben, weil sie bewusst nicht ständig erreichbar sein wollen oder ein Suchtpotenzial meiden wollen. Und schließlich kann auch einfach mal der Akku leer sein.”

Gute Digitalisierung sieht anders aus!

Digitalcourage befürwortet grundsätzlich eine durchdachte, datenschutzfreundliche Digitalisierung, wenn auch analoge Zugänge bestehen. Das ist aber oft nicht der Fall, meint Julia Witte: „Digitalisierung scheint für viele zu bedeuten: Wir machen jetzt eine App und bieten alle unsere Dienste nur noch darüber an. Diese App gibt es dann ausschließlich im Google-Playstore oder im Apple-Store und ist im schlimmsten Fall auch noch voller Tracker. Dabei könnten mit ein bisschen mehr Kreativität und Weitsicht bessere, inklusivere Lösungen gefunden werden!”

Das Umdenken muss schnell geschehen, dafür will Digitalcourage mit der Petition sorgen

Rena Tangens erklärt: „Die Zeit drängt, denn immer mehr analoge Dienste, die uns bisher zur Verfügung standen, werden abgeschafft. Diese Infrastruktur später wieder aufzubauen, wird schwierig, wenn sie erst einmal verschwunden ist. Wir sollten sie auch aus Gründen der Resilienz bewahren. Deshalb gehört das Recht auf ein Leben ohne Digitalzwang ins Grundgesetz!”

Mehr Infos dazu

Gut zu wissen

Digitalcourage e.V. engagiert sich seit 1987 für Grundrechte, Datenschutz und eine lebenswerte Welt im digitalen Zeitalter. Technikaffin, doch man wehrt sichdagegen, dass unsere Demokratie „verdatet und verkauft“ wird. Der Verein klärt auf und mischt sich in Politik ein. Digitalcourage ist gemeinnützig, finanziert sich durch private Spenden und lebt durch die Arbeit vieler Freiwilliger.

Quelle: www.digitalcourage.de


Nachtrag von HESSENMAGAZIN.de

Alter Ego - MeneTekel Grafik (c) Brigitta Möllermann

Digitalcourage vergibt nicht nur jedes Jahr einen Oskar für Datenkraken, den BigBrotherAward <-KLICK, sondern hat auch ein böse satirisches Beschwerdeformular für Postdienstleister entworfen, damit die sich endlich auch mal ausklagen können.
Das müssen Sie sich angucken!!!

https://cryptpad.digitalcourage.de/form/#/2/form/view/cOGIayLuH7mLDgBzm8ldGbXul76WGs85rE1FL8Gu1Dk/ <-KLICK