Weidehaltung: Nur ein wirtschaftliches Minusgeschäft?

Mittwoch, den 24. Juni 2026 um 04:47 Uhr Gut zu wissen - Landwirtschaft + Naturschutz
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Kühe auf dem Rückweg zum Stall (c) HESSENMAGAZIN.de[Deutschland] Das muss man erstmal verstehen: Um Landwirte mit Milchkühen zu motivieren, ihre Tiere regelmäßig auf die Weide zu lassen, war von der Obrigkeit 2024 eine neue Öko‑Regelung geplant: Die "Weideprämie" sollte Landwirten Geld für eine "Haltungsform" zahlen, die tiergerecht ist, aber aufwendig umzusetzen ist. Sie war bereits beschlossen, wurde auf 2025 verschoben und soll nun gestrichen werden, bevor sie überhaupt starten konnte.

Der Hintergrund: Die Kühe brauchen mehr Fläche, die Pflege der Weiden und Zäune ist arbeitsintensiv, und die Milchleistung fällt im Vergleich zur intensiven Stallhaltung oft geringer aus. Auch zusätzliche Infrastruktur wie Tränken oder befestigte Wege muss bereitgestellt werden. All diese Faktoren machen die Weidehaltung teurer. Doch Molkereien zahlen meist keinen Aufpreis für die spezielle Weidemilch dieser Bauern - Verbraucher auch ungern.

Ziel der Prämie wäre es auch, den Aufwand auszuglichen und gleichzeitig Tierwohl, Artenvielfalt und nachhaltige Bewirtschaftung zu stärken, ohne diesmal den Betrieben zusätzliche Pflichten aufzuerlegen.

Gefördert werden sollten u. a. der Verzicht auf Anbindehaltung sowie die extensive Beweidung, die Pflanzen‑ und Insektenvielfalt fördert und zum Erhalt von Grünland beiträgt.

Gut zu wissen

Die Weideprämie ist eine freiwillige Agrarförderung innerhalb der Gemeinsamen Agrarpolitik der Europäischen Union (EU-GAP). Das ist das zentrale Fördersystem der Europäischen Union für Landwirtschaft und ländliche Räume. Damit wird festgelegt, wofür Landwirte öffentliche Gelder erhalten können und welche Umwelt‑, Klima‑ und Tierwohlstandards sie dafür (normalerweise) einhalten müssen. Ziel ist es, eine sichere Lebensmittelproduktion zu gewährleisten, die Landwirtschaft wirtschaftlich zu stabilisieren und gleichzeitig Natur‑ und Klimaschutz stärker zu fördern.

Die Bundesregierung (unter Agrarminister Alois Rainer) begründet die Streichung jetzt offiziell mit Bürokratieabbau. Die Dokumentations- und Kontrollpflichten, die mit einer bundesweiten Prämie einhergehen, seien für die Betriebe und die Verwaltung zu aufwendig. Das Thema sorgt in der Landwirtschafts- und Umweltpolitik gerade für massiven Zündstoff.

Das geplante Aus der bundesweiten Weideprämie im Rahmen des „Bürokratierückbaugesetzes“ schlägt hohe Wellen. Lesen Sie dazu das Pressestatement des Deutschen Naturschutzrings (DNR)

Der Dachverband der deutschen Natur-, Tier- und Umweltschutzorganisationen fordert, Weideprämie nicht zu streichen

Berlin, 23. Juni 2026 – Erst beschlossen, dann verschoben, jetzt vor dem Start gestrichen? Mit dem Bürokratierückbaugesetz will die Bundesregierung die zugesagte Förderung für die Weidehaltung von Milchkühen abschaffen. Zahlreiche Tierschutzorganisationen unter dem Dach des Deutschen Naturschutzrings (DNR) warnen vor einem Rückschritt für Tiere, Weidebetriebe und die Glaubwürdigkeit der Agrarpolitik. Zum Ende der Verbändeanhörung am 24. Juni fordern die Organisationen Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer, die Bundesregierung sowie die Regierungsfraktionen auf, die geplante Streichung zurückzunehmen.

Die geplante Abschaffung der Öko-Regelungen trifft mit der Weideprämie ausgerechnet ein freiwilliges Förderinstrument. Diese Prämie soll Betriebe unterstützen, die Milchkühen Zugang zur Weide ermöglichen, ohne andere zu belasten. Sie abzuschaffen, widerspricht dem Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD, der mehr Anreize für Klima-, Umwelt- und Tierschutzleistungen verspricht.

„Bürokratieabbau darf nicht zulasten der Tierschutzförderung gehen! Aus einer angekündigten Verschiebung darf keine stille Streichung werden. Die Bundesregierung kann nicht Anreize für mehr Tierschutz versprechen und dann ausgerechnet eine freiwillige Weideprämie streichen. Wer Weidehaltung erhalten will, muss Betriebe verlässlich unterstützen – statt die beschlossene Förderung kurz vor dem Start wieder abzuräumen“, erklärt Thomas Schröder, Vizepräsident des Deutschen Naturschutzrings.

Die Bundesregierung betont, stärker auf Anreize statt auf Vorgaben setzen zu wollen. Eine freiwillige Weideprämie ist ein solcher Anreiz: Sie vergütet Leistungen für Tierschutz, Umwelt und Kulturlandschaftspflege, ohne neue Pflichten aufzuerlegen. Die Forderung der Organisationen lautet deshalb: Die Bundesregierung muss die geplante Streichung der Weideprämie zurücknehmen und die beschlossene Öko-Regelung umsetzen. Eine Förderung von Kühen auf der Weide ist auch in der kommenden Förderperiode der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU (GAP) möglich. Wer Tierschutzleistungen in der Landwirtschaft will, muss sie auch verlässlich fördern.

Hintergrund: Warum die Weide für Kühe mehr ist als Auslauf

Fachgerecht umgesetzte Weidehaltung ohne Anbindehaltung gilt aus Tierschutzsicht als besonders tiergerecht für Rinder. Sie ermöglicht Milchkühen Bewegung, arttypisches Verhalten, Sozialkontakte, Klimareize und Zugang zu Grünland. Gleichzeitig steigert extensive Beweidung die Artenvielfalt. Doch wirtschaftlich steht Weidehaltung unter Druck: Der Markt honoriert den zusätzlichen Aufwand nicht ausreichend.

Für viele Betriebe ist entscheidend, ob politische Förderinstrumente verlässlich sind. Wer Weidehaltung erhält oder ausbaut, braucht angesichts hoher Kosten, schwankender Märkte und wechselnder Vorgaben Planungssicherheit. Die zusätzliche Öko-Regelung für die Weidehaltung in milchviehhaltenden Betrieben wurde 2024 beschlossen und 2025 um ein Jahr verschoben. Begründet wurde dies mit einem zusätzlichen Vorlaufbedarf für die Bundesländer. Von einer Abschaffung war keine Rede.

Der Gesetzentwurf würde diesen Kurs grundlegend ändern und aus Sicht der unterzeichnenden Organisationen das Vertrauen der Betriebe in politische Zusagen beschädigen. Die geplante Streichung ist schwer vermittelbar, da sie dem politischen Anspruch widerspricht, gesellschaftlich gewünschte Leistungen der Landwirtschaft stärker zu honorieren. Öffentliche Gelder aus der GAP müssen aus Sicht der Organisationen stärker für eine verlässliche Förderung von Tierschutz-, Umwelt- und Klimaleistungen eingesetzt werden.

Unterzeichnende Organisationen: Albert Schweitzer Stiftung für unsere Mitwelt, Deutscher Tierschutzbund e. V., Menschen für Tierrechte e. V., PROVIEH e.V., VIER PFOTEN – Stiftung für Tierschutz

Quelle: Deutscher Tierschutzbund e.V., www.tierschutzbund.de


Quelle Zusammenfassung: Brigitta Möllermann, HESSENMAGAZIN.de