Jagdgesetz mit Storys von bösen Tieren und widerspenstigen Pflanzen

Donnerstag, den 04. März 2021 um 09:07 Uhr Gut zu wissen - Dossier: Natur und Umwelt
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Rehe und Damwild: Bald nur noch im Tiergehege zu finden? (c) HESSENMAGAZIN.de
Rehe und Damwild: Bald nur noch im Tiergehege zu finden? (c) HESSENMAGAZIN.de

[Deutschland] Die Worte Mäuseplage <-KLICK - Wildverbiss - Insekten- oder auch Wolfsabwehr - sogenannter Pflanzenschutz - gehören längst in unseren Alltag: Genauso wie die Tatsache, dass wie selbstverständlich an unseren Straßenrändern jedes Jahr immer mehr alte, schattenspendende Alleebäume aus Gründen der "Verkehrssicherheit" gefällt werden. Zudem scheint es jeder klaglos zu akzeptieren, dass "störende" Pflanzen, die sich irgendwo im Garten oder auf dem Feld ausbreiten, mit chemischen Gift weggespritzt werden.
Und nun der Knaller:
Knabbern Rehe zu viel Baumrinde an und beißen junge, eben gepflanzte Bäumchen (Setzlinge) im Wald ab, soll in diesem Jahr noch das Jagdgesetz geändert werden. Und zwar dahingehend, dass in Zukunft mehr Rehe und andere Schalenwildarten als sonst durch die Jäger getötet werden, damit der teuer mit Staatsgeldern finanzierte Waldumbau ungestört vonstatten gehen kann.

Dafür wird notfalls von der Jagdbehörde eine Abschuss-Untergrenze festgelegt!

Sie verstehen das nicht und fragen sich, wie das zusammengeht mit Natur- und Artenschutz, Biodiversität und so? Und warum die Waldtiere nun mit dem Tod dafür bezahlen müssen, dass Förster und Waldbesitzer jahrelange Misswirtschaft betrieben haben?

Wovon hier die Rede ist: Die durch den Klimawandel begründete Dürre hat ganze Nadelwaldbestände geschwächt. Daraufhin haben sich Invasionen gewitzter Borkenkäfer über die Bäume hergemacht und sie angefressen. Zack, fallen sie beim nächsten Sturm um oder werden vorsorglich gefällt. Auf den entstandenen Freiflächen wird aufgeforstet. Dafür gibt es von der hessischen Obrigkeit eifrig Beratung plus eine Menge Geld: Schutz und Erhalt unserer Wälder <-KLICK

Zudem stellt die Bundesregierung rund 800 Millionen Euro als Hilfen zur Verfügung. Die Gelder werden privaten und kommunalen Waldeigentümern zur Bewältigung der Waldschäden, für Wiederaufforstungen sowie zur Anpassung der Wälder an den Klimawandel ausgezahlt: Dem deutschen Wald geht es schlecht <-KLICK

Tja, und nun müssen nur noch die bösen Rehe weg. Das nennt man Wildtiermanagement bzw. Abschusskorridor!

Das forderte sogar der BUND bereits in einer Pressemeldung vom Juli 2019: "Naturferne Fichten- und Kiefernforste müssen dringend in naturnahe Laubmischwälder umgebaut werden", mahnt der BUND. Dafür sei es zwingend notwendig, erhebliche Finanzmittel, auch für mehr Forstpersonal, bereitzustellen. ...Waldbrandgefahr verringern.
Überfällig sei es auch, die Vorgaben zum Wildtiermanagement so zu entwickeln und umzusetzen, dass durch entsprechende Bejagung des Schalenwilds eine natürliche Verjüngung von Laubbäumen ohne teure Zäune möglich ist.
Es ist ein Skandal, dass jahrelange Bemühungen von engagierten Försterinnen und Förstern, junge Laubbäume in Nadelholz-Monokulturen hochzubringen, aufgrund von Versäumnissen bei der Jagd immer wieder von Rehen und anderem Schalenwild vernichtet werden", meint Huber Weiger, der BUND-Vorsitzende
. Mehr dazu: HIER <-KLICK.


Kaum zu glauben. Schon im Sommer 2020 wurde am Bundesjagdgesetz gefeilt, ohne jedoch die Tatsache überall an die "große Glocke" zu hängen. Der MDR berichtete zwar im August aus Thüringen: Rehe behindern Waldumbau - Jäger sollen Schützenhilfe leisten <-KLICK. Aber das ist ja sooooooooo weit weg. Und andere (wichtigere) Themen werden deswegen eher durch die Medien gepeitscht...

Im November 2020 hieß es dann in einer Pressemeldung von der Bundesregierung: Das Bundeskabinett hat heute dem Entwurf eines Ersten Gesetzes zur Änderung des Bundesjagdgesetzes, des Bundesnaturschutzgesetzes und des Waffengesetzes der Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft, Julia Klöckner, zugestimmt. Das ist somit die erste größere Novelle des Bundesjagdgesetzes seit 1976. Alles dazu: HIER <-KLICK.

Und weil die Bundesregierung ganz klar der Meinung ist: Rehwild kann bei der Aufforstung von klimastabilerem Mischwald großen Schaden anrichten, ist es erforderlich, zu hohe Rehwild-Bestände zu reduzieren. Baumarten wie Tanne, Bergahorn, Buche, Esche, Eiche und Hainbuche werden durch sie stark verbissen, Aufforstungen gehen damit verloren. ...

Und weiter: Jagdgenossenschaften beziehungsweise Grundeigentümer sowie Jagdpächter sollen sich künftig über einen jährlichen Abschusskorridor für Rehwild im Jagdpachtvertrag verständigen. Die behördliche (Höchst-) Abschussplanung für Rehwild wird abgeschafft.

Jetzt kommt es (endlich) zum Streit

Der MERKUR schreibt im Februar 2021:

"Das Reh wird als Schädling behandelt“ - Streit um neues Jagdgesetz: Wald vor Wild - Ohne Schutzmaßnahmen muss das gesamte Wild getötet werden.

Die Auseinandersetzung um die Novelle des Bundesjagdgesetzes spitzt sich zu. In Bayern hat sich das „Netzwerk Wald mit Wild“ gebildet. Eine Initiative, der sich bundesweit Jäger, Waldbesitzer und Tierschützer angeschlossen haben und die sich nun laut in die Debatte um das Gesetz eingeschaltet hat. „Wir wollen das Wild im Wald schützen“, sagt Ernst Weidenbusch, Präsident des Bayerischen Jagdverbandes und Unterstützer des Netzwerks. „Deshalb darf das Gesetz in seiner jetzigen Fassung nicht in Kraft treten.
Zitat - https://www.merkur.de/bayern/jagdgesetz-bayern-jaeger-naturschuetzer-wild-reh-baeume-wald-verbiss-schutzmassnahmen-zr-90214475.html


Quelle: Brigitta Möllermann, HESSENMAGAZIN.de

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